Wenn ich meinen Schülern nur eine Lektion geben dürfte, dann wäre es diese kurze Weisheit:
Weniger ist mehr. Der größte Feind des Wachstums ist das maßlose Wollen.
Konzentriere dich auf die Grundlagen. Sie durchdringen alles in der Musik.
Sie werden dich heimsuchen, auch wenn du sie ignorierst. Sie bleiben.
Meistere dein Übematerial, bevor du etwas Neues anfängst.
Nimm dir Zeit, um die Dinge zu lernen, die dich bewegen.
Druck beim Lernen macht dich vor allem langsam.
Neugier ist eine gesunde Einstellung zum Lernen.
Selbsttäuschung ist Teil des Menschseins -
bleibe aufmerksam beim Üben.
Was du wirklich kannst,
das macht Freude.
Dem Publikum
und dir.
Mit den Worten meines ehemaligen Lehrers, Dirk Engelhardt:
Kunst kommt von Können. Sonst würde es Wunst heißen.
Über die Mechanismen der Selbsttäuschung
Abschließend möchte ich dir den Anfang des 6. Kapitels „Fear Based Practicing“ aus „Effortless Mastery“ von Kenny Werner in einer selbstangefertigten Übersetzung zum Lesen geben. Ich habe besonders wichtige Worte fett gemacht und wichtige Sätze farbig markiert.
Der Weise betet im Sturm nicht um Schutz vor der Gefahr, sondern um Befreiung von der Angst. Ralph Waldo Emerson
So wie Angst den Nährboden für Kreativität vergiftet, blockiert sie auch effektives Lernen. Der Verstand spielt verrückt, und das Ego hat seinen großen Auftritt. […]
Vielleicht treibt dich auch der Gedanke an, dass du ein Experte in allen Musikstilen sein musst – und entsprechend viel Material liegt vor dir, das du durcharbeiten „musst”. Du fühlst dich, als hättest du einen riesigen Berg vor dir und viel zu wenig Zeit. Du hast regelrecht Angst zu sterben, bevor du alles zusammen hast!
Und genau hier hat die Angst dein Üben bereits ruiniert: Sie hetzt dich durch das Material, sodass du nichts wirklich aufnehmen kannst. Du versuchst, bei jeder Übungssession möglichst viel abzudecken, kratzt nur an der Oberfläche jedes Themas – und springst dann zum nächsten. Dass du das Material kaum beherrschst, ignorierst du, denn du hast keine Zeit, das überhaupt zu bemerken. Schließlich gibt es so viel zu üben und so wenig Zeit! Es ist frustrierend: Obwohl du all dieses Zeug übst, verbessert sich dein Spiel kaum.
Nichts wird wirklich gemeistert. Du hörst dich eine Übung ein- oder zweimal korrekt spielen und redest dir ein, dass du sie draufhast. Das einzige Problem: Wenn du zehn Minuten später darauf zurückkommst, stellst du fest, dass du sie eben doch nicht draufhast! Du übst viele Dinge, aber nichts bleibt hängen – und nichts von dem, was du übst, taucht in deinem Spiel wieder auf. Du kommst gar nicht auf die Idee, dass du bei all dem Üben eigentlich besser spielen müsstest. Du hast ein Glaubenssystem, das in Angst wurzelt: dass du sowieso nicht so gut spielen sollst! Und die Ergebnisse, die du bekommst, bestätigen genau diesen Glauben. Während du schnell durch das Material rauschst, lebst du in der Illusion, Fortschritte zu machen. Sich wirklich Zeit zu nehmen, um etwas zu lernen, würde sich quälend langsam anfühlen – aber genau das ist der Weg echten Wachstums. Es dauert, so lange es eben dauert. Tatsache ist: Wenn du nicht lange genug beim Material bleibst, bis es sich vertraut anfühlt, wirst du feststellen, dass es nicht bei dir bleibt. Dann verschwendest du wirklich deine Zeit! Es lohnt sich schlicht nicht, weiterzugehen, bevor etwas gemeistert ist.
Ein ängstlicher Geist lässt dich nicht konzentrieren und aufnehmen. Selbst wenn du dich auf eine Sache fokussierst, übt der Verstand subtilen – oder auch nicht so subtilen – Druck aus, indem er dich an all die anderen Dinge erinnert, die noch erledigt werden müssen. Das erzeugt ein sehr unruhiges und unsicheres Gefühl. Wenn du nur an der Oberfläche kratzt, eignest du dir viele schlechte Angewohnheiten an – in Bezug auf Tempo, Fingersatz und andere Details. Durch ständige Wiederholung graben sich diese schlechten Angewohnheiten immer tiefer in dein Unterbewusstsein ein, sodass du am Ende das betreibst, was ich negatives Üben nenne. So gesehen ist eine Stunde Üben besser als zwei, dreißig Minuten sind besser als eine Stunde – und gar nicht zu üben wäre dieser Art von negativem Üben noch vorzuziehen!
Viele Musiker sind so auf komplexe Elemente fixiert, dass sie nicht genug Zeit mit den Grundlagen verbringen. Als Folge haben sie alle möglichen Macken – grundlegende Lücken in ihrem Spiel. Wenn zum Beispiel die grundlegenden Akkordverbindungen nicht richtig verinnerlicht sind, wirst du mit den meisten Standardstücken kämpfen. […] Warum gehen die meisten von uns weiter, obwohl wir noch gar nichts gemeistert haben? Wir haben Angst, keine großartigen Musiker zu werden – und genau das wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung.
Du gehst weiter, weil du glaubst, es sei nicht genug Zeit, um all die Dinge zu lernen, die du brauchst, um ein großartiger Musiker zu werden. Du gehst weiter und lässt das vorherige Material in einem unbrauchbaren Zustand zurück. Und genau so wirst du niemals ein großartiger Musiker. Dein Verstand hat dich ausgetrickst.
Dysfunktionales Üben ist ein Nebenprodukt von Angst und Ego. Manchmal ist der Geist so rastlos und voller Angst, dass du überhaupt nicht üben kannst. Ein Mensch in diesem Zustand hält sich für unengagiert oder einfach „faul”, weil er es nie hinkriegt zu üben. Falls das auf dich zutrifft: Sei nachsichtig mit dir selbst. Du bist nicht faul – du bist einfach völlig überfordert! In deinem Kopf gibt es so viel zu bewältigen, dass du gar nicht erst anfangen kannst. Du steckst in einem Energiefeld aus Angst fest.