Unglaubliche Pianomusik - ein improvisiertes Klavierkonzert von der Jazzlegende Keith Jarrett.
Eine meiner absolut unschuldigen, naiven Begegnungen als Jugendlicher hatte ich mit dem Album "The Köln Concert". Es wurde 1975 im Kölner Opernhaus von Keith Jarrett aufgenommen, der damals durch eine Verkettung von Zufällen ungeplant Musikgeschichte schrieb. Obwohl ich es damals mit 16 nicht wusste, war das meine erste Begegnung mit dem, was heute für mich Jazz bedeutet. Meine Mama hatte die Aufnahme in ihrem CD-Regal und gesagt, dass das ganz großartige Piano-Musik sei. Ich wusste nichts! Nichts von der Besonderheit dieses Konzerts, nicht, dass Keith Jarrett ein Jazz-Pianist ist oder, um mal auf dem Teppich zu bleiben, was Jazz überhaupt ist. Mein Eindruck von Jazz kam von einer Mash-Up-CD mit "den größten Jazzhits", ausnotierten Stücken im Saxophonunterricht und einem Improvisationsheft mit einem Überhang an Musiktheorie. Außerdem hatte ich von den Ärzten die CD "Jazz ist anders" zu Hause, was mich über die Natur dieser Musikrichtung endgültig verwirrte.
Durchdachte Improvisationen, ja sogar improvisierte Kompositionen, ja ein improvisiertes Piano-Konzert aus improvisierten, durchdachten Kompositionen, die einen ganz tief in der Seele berühren - ich wusste überhaupt nicht, womit ich es da zu tun hatte. Ich dachte, es wäre alles ausnotiert gewesen, was er da spielt. Und dann spielte ich dieses Konzert immer über die Musikanlage der "Alten Fleischerei", wenn ich bei meinem kleinen Kellnerjob für 6 Euro die Stunde das Frühstücksbuffet gastronomisch begleitete. Ich war verzaubert von dieser Musik, und auch noch vier Jahre später spielte ich das Konzert abends bei meinem Nebenjob im Café Central. Dort wurde es von den Gästen aus dem Potsdam Museum erkannt und meine Musikwahl gelobt. Damals im bürgerlichen, vom Krieg geprägten Oranienburg kam die Musik bei meinen Kollegen nicht so gut an und ich wurde gleich bei meiner ersten Verzauberung wieder aus dem Traum gerissen durch ein "Mach doch mal das Gedudel aus!" Ich kann mich nicht mehr erinnern, das Album danach noch einmal in diesem Restaurant gespielt zu haben. Ich war auch etwas entzaubert und habe diesem seeligen Ausdruck von Leben auch für eine Weile den Stempel "Gedudel" verpasst.
Vor kurzem kam das Album wieder zu mir durch den YouTube-Algorithmus, als ich zuerst zu einem Video über das Ostinato-Spiel kam, welches auf eine Stelle im Köln Concert verwies, und dann zu einem Video über das Konzert selbst – und das war beides wirklich sehr erhellend und spannend. Ostinato-Begleitung auf dem Klavier heißt, dass die linke Hand immer das gleiche Pattern spielt, während die rechte darüber improvisiert. Darin ist Keith Jarrett meisterlich gut. Es erinnert mich sehr an moderne elektronische Musik und Minimal Music – die damals noch Avantgarde war. Diese Art, auf dem Klavier zu spielen, ist nicht nur eine wertvolle Fähigkeit für das Klavierspiel und den inneren Rhythmus. Sie kann auch eine sehr spannende und ästhetisch befriedigende Art sein, systematisch Improvisation zu üben und sich dabei in dem Zauber der Musik zu verlieren.
Das andere Video handelte von den katastrophalen Rahmenbedingungen des Konzerts. Das Piano war kaputt, der Pianist müde, hungrig und in Schmerzen. Die ganze Geschichte kann man sich hier ansehen: